Borderline Zufall 07e
P R E S S E M I T T E I L U N G
des DGPM
 
Soforthilfe bei psychischen Erkrankungen
DGPM befürwortet psychotherapeutische Sprechstunde
 
Berlin – Menschen mit akuten psychischen Problemen – beispielsweise mit schweren Depressionen oder Essstörungen – warten drei bis sechs Monate auf eine Psychotherapie. Mit der sogenannten psychotherapeutischen Sprechstunde will der Gesetzgeber künftig Abhilfe schaffen: Betroffene könnten dann bereits nach wenigen Tagen mit einem Psychotherapeuten sprechen und mit ihm gemeinsam weitere Behandlungsschritte einleiten. Die Deutsche Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und Ärztliche Psychotherapie (DGPM) befürwortet eine psychotherapeutische Sprechstunde und in größerem Umfang verfügbare niedrigschwellige und akut zugängliche Beratungs- und Behandlungsmöglichkeiten. Sie weist jedoch darauf hin, dass nach wie vor nicht ausreichend Behandlungsplätze verfügbar sind, um den bestehenden Bedarf abzudecken.
 
Psychische und psychosomatische Erkrankungen sind keine bloßen Befindlichkeitsstörungen. Ein Beispiel: Die Patientin M. aus Cuxhaven reißt sich seit einiger Zeit Haare aus, sie hat bereits kahle Stellen am Kopf. Auch ihre dreijährige Tochter zeigt seit einiger Zeit Auffälligkeiten in der Sprachentwicklung. Bis zu sechs Monate müssten beide derzeit auf therapeutische Hilfe warten. „Dabei liegen hier bereits Symptome einer akuten Belastungssituation vor. Niederschwellige und kurzfristige psychotherapeutische Angebote sind nicht nur in diesem Fall unerlässlich – dadurch kann einer Vielzahl psychischer Erkrankungen sowie deren weiterer Chronifizierung bereits frühzeitig entgegengewirkt werden“, sagt Professor Dr. med. Harald Gündel, Ärztlicher Direktor der Universitätsklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie in Ulm. Selbst von einer rechtzeitigen ambulanten Kurzzeit-Therapie profitieren über die Hälfte der Patienten, diese schätzen ihre Verfassung dann deutlich besser ein als vor der Therapie. „Das erspart den Patienten einen langen Leidensweg und nicht zuletzt auch Ressourcen im Gesundheitssystem“, so der Mediensprecher der DGPM.
 
Beispielhafte innovative Angebote für eine rasche und interdisziplinäre ambulante psychotherapeutische Versorgung gibt es bereits heute: Das Medizinische Versorgungszentrum für körperliche und psychische Gesundheit Timmermann in Cuxhaven bündelt verschiedene Kompetenzen, neben Psycho- beispielsweise auch Ergo- und Physiotherapie sowie Logopädie, um Patienten schnell und unkompliziert Hilfe anzubieten. Die Patientin M. aus Cuxhaven konnte hier bereits nach wenigen Tagen einen Termin in der Sprechstunde bekommen; ein Arzt entscheidet dann, welche Behandlung, von der Einzel- oder Gruppentherapie bis hin zur sozialmedizinischen Krisenintervention oder Akutbehandlung, in einer Psychosomatischen Klinik angemessen und notwendig ist. Viele Behandlungsmethoden bietet Jochen Timmermann, Facharzt für Psychosomatische Medizin, direkt in seinem Versorgungszentrum an, die Patientin M. aus Cuxhaven erhielt eine Psychotherapie, ihre Tochter konnte im selben Haus von einer Logopädin behandelt werden. Schnell stellte sich heraus: Die Patientin hatte kürzlich einen Autounfall, der Erinnerungen an einen früheren Unfall und den damit verbundenen Tod ihres Vaters geweckt hat. Unter diesem unverarbeiteten Trauma litt auch die Tochter, die regelmäßige Stimmungsschwankungen und Weinkrämpfe der Mutter miterlebte und dadurch die Sprachstörungen entwickelte.
 
„Gerade in Fällen, wo mehrere Mitglieder einer Familie betroffen sind, können wir schnell und unkompliziert in die Behandlung einsteigen. Unsere generations- und fachübergreifenden Kompetenzen erlauben es zugleich, dass wir Behandlungsergebnisse der Tochter in den Therapiestunden der Mutter reflektieren können“, so Timmermann. Dies sei eine ungemeine Erleichterung für die Patienten, die dann nicht mehr gezwungen sind, in dieser ohnehin schweren Lebenssituation verschiedene Stellen anzulaufen. „Gerade an solchen Beispielen aus der Praxis sehen wir: Schnelle und unbürokratische Hilfe, wie sie eine niedrigschwellige psychotherapeutische Sprechstunde und auch breit aufgestellte Versorgungszentren anbieten können, sind für den Patienten entscheidend“, so Professor Gündel. Es müsse jedoch gewährleistet sein, dass nach dem ersten Termin in der Sprechstunde ein der Schwere des Falls entsprechendes Angebot ebenso zeitnah zur Verfügung stünde.
 
Quelle:
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www.dgpm.de
 

 

Erneute Stigmatisierung - Wir sagen Stopp!

 

 
 
Aus gegebenem Anlass möchten wir uns als gemeinnütziger, sozialpsychiatrischer Verein zum aktuellen Thema äußern.
 

Der tragische Flugzeugabsturz der Germanwings-Maschine und das unsagbare Leid, das damit verbunden ist, hat in uns allen tiefstes Entsetzen ausgelöst. Wir möchten den Angehörigen und Hinterbliebenen der Opfer unsere aufrichtige Anteilnahme ausdrücken. Ihr Schmerz über den tragischen Verlust ihrer Lieben muss unermesslich sein.

Wir alle haben die dramatischen Bilder und die Berichterstattung in den Medien verfolgt. Wie alle fragen wir nach dem Warum. Dennoch sind wir erschrocken über die anhaltenden Spekulationen über die genauen Gründe des Absturzes, vor allem wegen der unzähligen Mutmaßungen über psychische Erkrankungen (Depressionen, bipolare Störung, emotional instabile oder narzisstische Persönlichkeitsstörung). Die damit einhergehende erneute Stigmatisierung von Menschen, die an diesen Erkrankungen leiden, ist un-er-träglich!

Seit Jahren nimmt die Stigmatisierung von Menschen mit psychischen Erkrankungen allen Aufklärungskampagnen zum Trotz weiter zu. Das ist das Ergebnis einer Studie der Arbeitsgruppe um Georg Schomerus von der Universitätsmedizin Greifs­wald. Die Ergebnisse dieser Studie wurden im British Journal of Psychiatry veröffentlicht.

Leider gipfelt die aktuelle Berichterstattung teilweise in regelrechten Hetzkampagnen, was nicht nur zur weiteren Traumatisierung von Angehörigen des Flugzeugabsturzes führt, sondern unweigerlich die erneute Stigmatisierung psychisch Erkrankter vorantreibt.

Weitere Vorurteile und Ängste vor psychisch erkrankten Menschen in der Bevölkerung sind die Folge und damit verbunden weitere Ausgrenzung, weiterer Rückzug in die Isolation, weiterer Druck, sich nicht „outen“ zu dürfen, weiteres Zurückgedrängt-Werden in ein Schattendasein.

Psychisch erkrankt zu sein heißt doch nicht gleich potenzieller Täter zu sein!

Leiden Betroffene und Angehörige nicht schon genug? Ist es nicht eher an der Zeit, mit weiteren Aufklärungskampagnen über psychische Erkrankungen Vorurteilen entgegenzuwirken und Betroffenen helfend und unterstützend zur Seite zu stehen, als Sie mit Hetze, Angstmache und Vorurteilen auszugrenzen?

Wie weit darf Pressefreiheit gehen? Bis hin zu Hetzkampagnen? Wie sollte man es sonst bezeichnen, wenn die Angehörigen des Co-Piloten durch die Veröffentlichungen von Fakten ihres persönlichen Umfeldes und präziser Angabe ihrer Namen bloßgestellt werden!? Seriöse Beiträge zur Aufklärung des Absturzereignisses sehen unseres Erachtens anders aus.

Was ist mit dem Persönlichkeitsrecht? Was passiert hier mit unserer Gesellschaft?

Es liegt in unser aller Verantwortung, diesen Hetzkampagnen und Stigmatisierungen den Raum zu entziehen und uns bewusst dagegen zu entscheiden.

Laut einer aktuellen Studie über die Universität von Dresden leiden rund 38% der Europäer an einer psychischen Erkrankung. "Psychische Krankheiten sind die größte Herausforderung für das europäische Gesundheitssystem im 21. Jahrhundert", meint die Forschung.

Sollen das alles potenzielle Täter sein? Nein! - Zeit der Stigmatisierung ein Ende zu setzen und psychisch Erkrankten mit Verständnis, Zugewandtheit und Akzeptanz menschenwürdig zu begegnen, wohlwissend, dass jeder von uns einmal davon betroffen sein könnte und sich zurecht Verständnis und Hilfe erhofft.

Es wäre zu begrüßen, wenn sich der Fokus der Öffentlichkeit und entsprechend der des Journalismus mit gleichem Interesse darauf richten würde, wo genau die Gründe für eine derart drastische Zunahme seelischer und psychosomatischer Erkrankungen liegen. Die Forschung sollte vorangetrieben werden, Betroffenen und Angehörigen mehr Anlaufstellen und Therapien zur Verfügung gestellt werden. Die Berichterstattung sollte mit angemessener Behutsamkeit erfolgen.

Wir fordern die Journalisten und verantwortlichen Redakteure auf, sich ihrer ethisch moralischen und gesellschaftlichen Verantwortung bewusst zu werden und aktiv an einer menschenwürdigen Berichterstattung mitzuwirken.

T.Parlow
Vereinsvorsitzende Borderline ps e.V.

 

 

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