Borderline Zufall 06e
Frau Doris Schröder-Köpf in einem Radiogespräch
Zitatenanfang
Schröder-Köpf:
Es ist schon so, dass ich mich normalerweise nicht in die Politik einmische. Nicht weil es mich nicht interessiert oder weil ich nicht zu allem und jedem auch eine Meinung hätte ja, das ist bei Journalisten so ja. Mal fundierter, mal weniger fundiert. Aber da bin ich ganz ein Kind dieser Branche. Sondern weil ich finde, dass es sich einfach nicht gehört, als Ehefrau, die nicht politisch tätig ist, den Leuten da in ihre Fachressorts irgendwie dreinzureden oder irgendwelchen Menschen, die Ämter und Mandate haben, die also gewählt sind.
Es gibt dann eben aber Ausnahmen, wo es um die Familie geht. Und da gibt es auch niemanden sonst, der für uns sprechen könnte. Ich meine, wenn ich meinen Mann nicht verteidige, wer soll es dann machen? Also ich meine, ich stehe ihm am nächsten. Und ich finde, das ist dann sozusagen meine Aufgabe. Und in dem Fall war es so, dass ich einfach auch total schockiert war. Sie müssen sich vorstellen, ich sitze Zuhause und arbeite gerade an meinem Buch, da, und kriege diese Agenturmeldungen und besorge mir dieses Foto. Und ich sehe das so und auf einmal ist bei mir also wirklich, wie soll ich sagen, so eine Angst hoch gekrochen, weil, was viele Menschen wahrscheinlich nicht wissen ist, dass eines der großen Sicherheitsprobleme Menschen sind, die man Borderliner nennt. Also die, die noch ein - Marquardt:
- verrückt sind -
Schröder-Köpf: - ja, die Psychologen nennen die Borderliner, die halt noch einen halbwegs normalen Eindruck machen, teilweise auch noch einem Beruf nachgehen, aber für sich in völlig bizarren und seltsamen Welten schon leben. Eine Person, die so ein Leben führte, und die ja dann Anschlag gemacht hat, war die Adelheid Streidel, die das Lafontaine-Attentat begangen hat. Die hat, glaube ich, auch als Tierarzthelferin, oder als Arzthelferin noch gearbeitet oder so. Das sind Menschen, die man nicht so einfach raus sortieren kann, die man nicht, die einem nicht unbedingt auffallen, wenn sie auf der Straße zu einem herkommen und so. Und weil es in dieser Gesellschaft eine Tendenz gibt zu immer mehr Vereinsamung und Vereinzelung, und viele von diesen Menschen nicht mehr so wie früher in Familien so aufgefangen werden und niemanden mehr haben, der sich so kümmert ja, deswegen gibt es davon leider immer mehr. Und diese Menschen werden ein Problem für Prominente besonders dann, wenn diese Prominenten in bestimmten Situationen noch mal wieder ein Stück weit in der Medienlandschaft so nach vorne rücken. Boris Becker hat damit argumentiert in seiner Trennungsgeschichte. Und ich weiß aus Erfahrung, dass es so ist. Die Zahl der Briefe von solchen Leuten steigt dann an. Und meine Sorge war jetzt nun wirklich meine Angst, wenn mein Mann wirklich in Deutschland als Verbrecher plakatiert wird. In so einer Art von Plakat. Das sich dann all diese Leute sozusagen auch noch legitimiert fühlen können, ihm was zu tun ja. Und da habe ich einfach so einen Panikanflug gekriegt. Also da hatte ich gedacht, dass kann man so nicht so stehen lassen. Da muss man was machen. Und also da war einfach so meine Sorge so groß.

Zitatende----

 

Da mich der Inhalt dieser Textstellen zutiefst berührte und ich mich diskriminiert gefühlt habe, verfaßte ich nachfolgenden Brief.

 

Betreff: Jens-Peter Marquardt im Gespräch mit Doris Schröder-Köpf Talk auf 4 am Sonntag, 4.02.2001, 16.05 - 17.00 Uhr Zitat: "Borderliner"

Sehr geehrte Frau Schröder-Köpf,

Ich bin selbst Mutter von zwei Kindern, und ich verstehe es, wenn man um seine Familie Angst hat. Mit tiefer Betroffenheit habe ich Teile des Gespräches, welches sie im Radio NDR 4 gegeben haben, aufgenommen.

Ich empfinde ihre Aussagen zum Thema "Borderliner" als äußerst diskriminierend und sie zeigen mir deutlich auf, mit welchen Vorurteilen und Inhalten, bezüglich einer psychischen Erkrankung, die Gesellschaft unvollständig informiert ist.

Mich haben, in dem von ihnen geführten Gespräch mit dem NDR, die Inhalte und Ausführungen zum Thema Borderline persönlich sehr verletzt. Besonders da ich selbst eine Betroffene der Borderline-Erkrankung, eine so genannte "Borderlinerin" bin.

Ich versuche mit meiner Arbeit an verschiedenen Projekten ( z.B. der www.Borderline-Plattform.de), die Öffentlichkeit besser mit dem Thema Borderline vertraut zu machen und möchte dazu beitragen, Vorurteile abzubauen. Ich möchte Sie, Frau Schröder-Köpf dazu einladen, mit Betroffenen und Angehörigen ins Gespräch zu kommen. Ich verstehe Ihre geäußerten Ängste, und ich möchte Ihnen auf diesem Wege meine Ängste in Bezug der Diskriminierung von Betroffenen aufzeigen. Ich bin in keinster Weise kriminell oder unberechenbar, so das die Gesellschaft sich vor mir in acht nehmen muss. Ich bin ein Mensch, der für ein lebenswertes Leben trotz dieser Erkrankung kämpft und dazu gehört, dass ich von der Gesellschaft angenommen und nicht weiter als Außenseiterin, die scheinbar unberechenbar ist, abgestempelt werde.

Ich möchte Ihnen Mut machen, Ihre Ängste vor so genannten "Borderlinern" abzubauen und ich würde mir wünschen, mit Ihnen darüber ins Gespräch zu kommen.

Mit freundlichen Grüßen

Tina Parlow

 


Wobei ich mir wünschen würde, dass sich viele Betroffene, aber auch deren Angehörigen, und auch Fachleute, mit einem persönlichen Brief oder einem Fax an Frau Schröder-Köpf zu Wort melden. Die Borderline-Erkrankung, wie andere psychische Erkrankungen auch, darf nicht länger stigmatisiert werden und es ist an der Zeit, dass sich die Menschen wirklich mit dem Störungsbild der Borderline-Erkrankung auseinander setzen und sich umfassend informieren.

Ich möchte mit diesem Text und mit meinem persönlichen Brief weder anklagen, noch sonst etwas Negatives bewirken, sondern aufwecken und informieren.

Ich bitte alle, die sich mit einem persönlichen Schreiben an Frau Schröder-Köpf beteiligen, darauf zu achten, dass keine Anklagen oder Aggressionen oder sonstige unpassende Bemerkungen übermittelt werden.

Es ist niemandem damit gedient, die Gesellschaft in Ihren Vorurteilen noch zu bestätigen. Es ist mein besonderes Anliegen zu erreichen, dass wir als Teil der Gesellschaft mit unserer Erkrankung akzeptiert und angenommen werden. Ich möchte mit dieser Veröffentlichung dazu beitragen, dass sich ein konstruktiver Gedankenaustausch zum Thema Borderline in der Gesellschaft entwickelt und nicht weiter stigmatisiert oder tabuisiert wird.

 


Antwort:
23.OKT. 2002 9:21 Bundeskanzleramt NR. 328 8. 1

Bundeskanzleramt

Berlin, den 21. Oktober 2002 Telefon 030 / 4000 0 (Vermittlung) 312-231 00-Sehr001

(GeschäftSZCiOhGfl bei Antwort bitte angeben)

Frau Tina XXXXXXXX

Per Fax.: XXXXXXXXXX

Sehr geehrte Frau XXXXXXXXXXXXXX ,

für Ihr Fax vom 12. September 2002 an Frau Schröder-Köpf möchte ich mich bei Ihnen bedanken. Ich bin gebeten worden, Ihnen zu antworten. Sie wenden sich gegen Äußerungen von Frau Schröder-Köpf in einem NDR-Interview vom 4. Februar 2001 ‚in der von der besonderen Gefahr von Attentaten psychisch Kranker auf Spitzenpolitiker und den hieraus abgeleiteten persönlichen Sorgen von Frau Schröder-Köpf die Rede war. Speziell war in diesem Gespräch auf Risiken durch Borderline-Kranke hingewiesen worden. Ich habe Ihre kritische Auseinandersetzung mit den Interviewäußerungen zum Anlaß genommen, den medizinischen Wissensstand zum Krankheitsbild der Borderlinestörung zu ermitteln. Danach scheint eine besondere Gefahr von Gewalttaten durch Erkrankte nicht zu bestehen. Ich wäre Ihnen deshalb dankbar, wenn Sie die entsprechenden Äußerungen von Frau Schröder-Köpf nur als beispielhafte Erwähnung, nicht aber als Schilderung einer typisierungsfähigen Gefährdungsprognose verstehen würden. In keinem Fall lag es in der Absicht von Frau Schröder-Köpf, Krankheitsbetroffene diskriminierend zu behandeln. Gleichzeitig möchte ich um Verständnis bitten, dass Frau Schröder-Köpf aus persönlicher Betroffenheit heraus auch auf die in der Vergangenheit bereits auf furchtbare Weise bestätigten Gefahren aufmerksam macht, die von psychisch kranken Gewalttätern für Spitzenpolitiker ausgehen. Hier bleibt die Gesellschaft aufgerufen, in jedem Einzelfall eine sachgerechte Abwägung zwischen individuellen Freiheitsansprüchen und dem Sicherungsinteresse des Staates vorzunehmen. Abschließend möchte ich Ihnen für die Zukunft alles Gute, insbesondere natürlich Gesundheit wünschen. Die ist eine schwer zu behandelnde Krankheit, deren Überwindung von Betroffenen und ihren Angehörigen Geduld, Toleranz und Beharrlichkeit verlangt. In diesem Zusammenhang ist die Arbeit der hierzu eingerichteten Selbsthilfegruppen von überragender Bedeutung. Ich sehe es als ein positives Signal, dass Sie die entsprechenden Möglichkeiten aktiv nutzen.

Mit freundlichen Grüßen

Im Auftrag (Ortwin Schulte)

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