Borderline Zufall 07e

Erfahrungen in Osnabrück

Erfahrungsbericht von Nobody:

Ich war zwei mal im Niedersächsischen Landeskrankenhaus (kurz NLKH) in Osnabrück. Beim zweiten mal war ich ein halbes Jahr auf der Station A4, die sich sozusagen auf selbstverletzendes Verhalten und Borderline spezialisiert hat.

Die Station hat ihren Sitz mit einer anderen Station etwas abseits vom Hauptgebäude in einem wunderschönen alten Gebäude, das wirklich klasse aussieht. Hinter dem Gebäude gibt es einen Sinnesgarten, der auch sehr schön ist. Vor dem Haus ist eine große Wiese, wo man im Sommer herrlich in der Sonne liegen kann.

Zum Stationsleben:

Auf der Station sind Betten für 21 Patienten und Patientinnen. Die Station ist für Männer und Frauen, wobei die meiste Zeit nur Frauen da sind. In seltenen Fällen teilen sich mal zwei Männer ein Doppelzimmer.
Die ersten zwei Wochen des Aufenthaltes sind Probewochen, so dass man in dieser Zeit selber gucken kann, ob man sich einen längeren Aufenthalt auf der Station vorstellen kann. In der Probezeit sind abgesehen von Ergo- und Einzeltherapie, sowie Stationsrunde so keine weiteren festen Therapien angesetzt, aber wenn man sich nach den zwei Wochen zum Dableiben entscheidet, erweitert sich der Wochenplan beispielsweise um Kunsttherapie, Sport,Schwimmen, Tanzen, Reittherapie, Kochgruppe, Borderlinegruppe, Musiktherapie, ADZ (Arbeitsdiagnostisches Zentrum, aufgeteilt in Computer-, Holz- und Grafikgruppe) und einiges mehr. Somit kann es sein, dass man einen recht ausgefüllten Terminplan hat und viel am Hin und Herrennen ist. Aber das heisst nicht, dass das schlecht ist.

Auch bekommt man, wenn die Probezeit vorbei ist, einen festen Bezugspfleger oder eine feste Bezugsschwester zugeordnet, der oder die sich nochmal zusätzlich um einen kümmert bzw der oder die neben dem/der Therapeuten/Therapeuten zusätzlicher Ansprechpartner für Dich ist. MIt der Bezugspflege hat man somit regelmässige Gespräche, manchmal macht man mit ihr auch Aggressionstraining und Druckabbau oder ähnliches.

Das Personal an sich ist schwer in Ordnung. Natürlich hat jeder Patient persönliche Vorlieben und
Abneigungen und kommt mit dem einen Pfleger besser klar als mit der anderen Schwester oder umgekehrt. Die Pflege wird von den Patientin fast immer beim Vornamen genannt und mit Du angesprochen. Das finde ich persönlich sehr gut, da man in den meisten Fällen mindestens drei Monate auf Station bleibt, in vielen Fällen wird es aber auch bis zu nem halben Jahr.

Für das selbstverletzende Verhalten gibt es auch gewisse Regeln und Konsequenzen. Das heisst, dass man nach jedem SVV einen zweistündigen "Time-Out-Bogen" ausfüllen muss. Der Time-Out-Bogen beinhaltet ca 7 Seiten, auf denen lauter Fragen stehen :Warum hat man das gemacht? Wann, wo, wie, womit hat man das gemacht? Ist vorher was passiert? Gefühle vorher und nachher? Reaktionen von anderen? Was hätte man stattdessen machen können und warum hat man´s nicht gemacht? Was nimmt man sich beim nächsten mal vor, stattdessen zu machen? Und so weiter... Das ist somit eine Selbstanalyse, mit der man sich zwei Stunden rumschlagen muss und die dann an den Therapeuten weitergegeben und im Einzelgespräch besprochen wird.

Im Falle, dass man sich so tief schneidet, dass man sogar genäht werden muss, wird man von der Station aus mit Taxi in´s Krankenhaus zur Chirurgie zur Wundversorgung geschickt. Danach folgt logischerweise ein Time-Out und das erste Stationsgebot. Stationsgebot bedeutet, dass man für eine Woche abgesehen von den Therapien die Station nicht verlassen darf. Man kann nicht mal eben raus an die Luft oder zum Supermarkt. Nur zu Therapien darf man raus, muss aber danach auch direkt wieder kommen. Wenn man das zweite mal genäht werden muss, gibt es das zweite Stationsgebot. Beim dritten mal Nähen folgt eine einwöchige Therapiepause als Konsequenz, sprich: man muss für eine Woche die Station verlassen und nach Hause oder sonstwohin gehen. Nach der Woche besteht die Möglichkeit zur Wiederaufnahme und alles geht wie gewohnt weiter. Wenn man nach der einwöchigen Therapiepause nochmal- und somit zum vierten mal- genäht werden muss, ist eine achtwöchige Therapiepause an der Reihe. Nach den acht Wochen kann man wieder auf die Station. Letzteres ist eigentlich ein sehr seltener Fall, die einwöchige Therapiepause hingegen tritt zwischendurch schonmal bei diversen Patienten auf. Auch in anderen selbstschädigen Fällen kann ein Stationsgebot oder eine Therapiepause auftreten, beispielsweise wenn jemand ein Problem mit Alkohol hat und dann während des Aufenthaltes trinkt. Stationsgebot und Therapiepause sollen als Hemmschwelle dienen. Dadurch soll das SVV verringert werden. Manchmal klappts, manchmal auch nicht. Ich selber habe dieses gestufte Konsequenzenverfahren leider nicht als Hemmschwelle gesehen und habe alle Folgen in Kauf genommen. Entweder bin ich zu schwach oder die Sucht ist zu groß.

Natürlich ist es Pflicht,sich nach Selbstverletzung und ähnlichem zu melden. Tut man dies nicht, kann es zu üblen Konsequenzen kommen, falls dies entdeckt wird.

In der Regel gibt es zwei Einzelgespräche beim Therapeuten die Woche und zweimal wöchentlich findet eine Visite statt.

Einmal im Monat wird von der Station her ein Ausflug gemacht. Mal gehts nach Ikea, dann in nen
Freizeitparkt, dann in ein riesen Einkaufszentrum oder sonst wohin. Es können immer nur ein paar Patienten mit, da nur ein Kleinbus zur Verfügung steht, aber die Ausflüge machen immer großen Spass.

Die meiste Zeit herrscht ein mehr oder weniger angenehmes Klima auf der Station und die Patienten verstehen sich untereinander meist recht gut. Man wird freundlich aufgenommen und hat in den ersten Taagen einen Mitpatienten als Pate, der einem die Station zeigt und mit zu den festen Terminen nimmt, so dass man sich schnell auf Station und auf dem Gelände zurechtfindet. Das macht den Einstieg leichter und hat mir am Anfang sehr geholfen.

Es gibt feste Essenszeiten, bei denen die Anwesenheit Pflicht ist. Man muss mindestens zehn Minuten am Tisch im großen Essraum sitzen, auch wenn man nichts isst. Nach den zehn Minuten kann man aufstehen, wann man möchte.

Ich selber fand die Station super klasse und habe dort viel erreicht. Natürlich war das kein Zuckerschlecken und oft stand ich kurz davor, alles hinzuschmeissen und die Therapie abzubrechen, da man jederzeit gehen kann, schliesslich ist es eine offene Station. Aber durch den letzten Aufenthalt habe ich sehr viel erreicht, was ich nicht zuletzt auch dem Personal und meinem Therapeuten zu verdanken habe, erst recht meiner Bezugsschwester, da mir alle auch in den schlimmsten Krisenzeiten sehr zur Seite gestanden haben. Auch meine
Bettnachbarin im Doppelzimmer hat mir in meine schwersten Phase dort sehr den Rücken gestärkt.

Die Regeln auf der Station sind recht locker und flexibel und man bekommt auch Ausnahmen beim verlängerten Ausgang. Ausgang hat man jeden Tag wann und wie man will, solange die Termine eingehalten werden. Das hat mir super gut gefallen, dass man im Ausgang abgesehen vom Stationsgebot nicht eingeschrenkt ist.

Alles in allem halte ich diese Station für die Borderline-Störung und für SVV für eine extrem gute Station, auf der man sehr viel erreichen und verändern kann, wenn man nur den Willen und die Motivation dafür mitbringt. Es lohnt sich und auch nach der Entlassung gibt es die Möglichkeit zur Intervalltherapie (eine geplante und begrenzte Wiederaufnahme nach einer bestimmten Zeit) oder zur Krisenbehandlung (kurzer und begrenzter Aufenthalt während einer Krise). Das Wissen, dass man jederzeit zurück auf Station kann, wenn alle Stricke reissen sollten, ist sehr beruhigend und gibt sicheren Halt.

Ich selber habe dort viel gutes erreicht und würde die Station A4 des LKH´s jederzeit jedem Borderliner und/oder jedem, der Schwierigkeiten mit SVV oder dem Erwachsenwerden hat, weiterempfehlen. Denn es ist auch eine Station für junge Erwachsene, wobei das Alter wirklich von 16 bis hoch zu 50 Jahren reichen kann.

Also, passt auf euch auf und alles Gute
wünscht Nobody

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