Borderline Zufall 01e
Erfahrungsbericht von Barfuss:

Meine Erfahrungen mit der Klinik Bad Herrenalb

Die Klinik Bad Herrenalb gehört zu den 12-Schritte-Kliniken. Das heißt, dass dort nach dem Konzept der 12-Schritte gearbeitet wird. Im Sommer 2005 ging ich nach Bad Herrenalb. Dort werden für viele die Kosten von der Bfa oder LVA übernommen oder auch über die Versicherung. Ich freute mich dorthin zu gehen, hatte jedoch auch Angst und nicht sehr viel Ahnung was mich dort erwarten würde. Ich wurde dienstags aufgenommen (Aufnahmetage bzw. Abreisetage sind immer dienstags und mittwochs).Am ersten Abend war eine Vorstellungsrunde. Zu diesem Zeitpunkt war ich noch keine 20 Jahre alt und gehörte somit zu einer der Jüngsten. Das Aufnahmealter beträgt 16 Jahre. Mit mir wurden noch 5 oder 6 Neue aufgenommen, nachdem mache eine sehr lange Wartezeit oder Kostenstreits mit den Versicherungsträgern hinter sich hatten. In den ersten tagen wurde mir alles gezeigt und die Regeln wurden vorgestellt. Dort stand, dass Bücher, die nichts direktes mit der Therapie zu tun hatte nicht erlaubt wäre, genauso wie Radio, Fernsehen und Zeitschriften. Sollte ich hier ganz verdummen und aus weltfremder Mensch entlassen werden?- war mein erster Gedanke. Das essen gab es 3 Mal am Tag im gemeinsamen Essraum. Was mir am Anfang sehr zu schaffen machen war die Tatsache, dass der Tag um 6:15 begann. Jeden Tag! Da trafen sich alle im Aufenthaltsraum (auch blaue Lagune genannt) zur Morgenmeditation. Danach kam der Frühsport. Das hieß 45 min- je nachdem wie schnell die Gruppe war einen Rundgang um in den nahegelegenen Wald. An einer Stelle konnte man dann noch Kneipen gehen, da es ja Hochsommer war oder weiterlaufen und mit den anderen gymnastische Übungen machen. Anschließend stellten sich alle in einen Kreis und jeder begann mit dem Spruch: „Ich lege meine Hand in deine Hand gemeinsam schaffen wir´s.“ Als dann alle Hand in Hand in einem Kreis standen sagten alle den Spruch: „ Gute 24 Stunden. Kommt wieder. Es funktioniert.“ Dann ging es wieder Hand in Hand zurück zu Klinik. Dieses Hand in Hand gehen machten manchen Patienten sehr große schwierigkeiten- mir gelang es ganz gut mich da drann zu gewöhnen. Auf diesem Morgenspiergängen war gewöhnlich kein Therapeut dabei. Um 7:15 gab es dann Frühstück und danach fing das Therapieprogramm an. 2 Mal die Woche gab es die Kerngruppe zusammen mit dem zuständigen Therapeuten. Etwas befremdend fand ich am Anfang, dass sich dort Alle- sogar der Chefarzt sich duzen lassen und mit Vornamen angesprochen wird. Die Tatsache, dass es keine Einzelgespräche gab fand ich merkwürdig. In der ersten Woche bei der einmal wöchentlichen Vollversammlung musste sich dann jeder neue Patient vor dem ganzen Haus vorstellen. Es war ein komisches Gefühl auf diesem Stuhl neben dem Klinikleiter zu sitzen und von sich zu erzählen ( das kam mir ein wenig so vor wie bei Harry Potter)., von seinen Problemen, warum man hier ist etc. Hinterher war es dann gar nicht so schlimm, wie alle davor gesagt haben.

In der Klinik wurde noch Kunsttherapie, Körpertherapie, zeitweise Lu Jong, chi gong, Sporttherapie( wobei dies einfach stinknormale Gruppenspiele wie z.b. Hockey war), Atemtherapie abgeboten. Abends werden dann sogenannte anonyme Gruppen angeboten. Es war eine „freiwillige Pflicht“ wie die Therapeuten meinten in eine Gruppe zu gehen. Auswahl gab es davon genügend. Es ging von spielsüchtigen(GA), Essstörungen (OA), emotionale Gesundheit (EA), Arbeitssüchtige(Workaholics), Alkoholiker(AA), Schuldner(AS) co-abhängigen (coDA), erwachsene Kinder suchtkranker Eltern (EKS) bis hin zu Bordberlinern (BA). Wer diese Gruppen leiten wird wurde montags in der Vollversammlung festgelegt. Die Vollversammlung leitet auch ein Patient, der gewählt wurde. In den Gruppen am Abend waren auch keine Therapeuten anwesend- jedoch sind die Selbsthilfegruppen auch für Auswärtige offen. Samstags wird ein Film angeschaut- auch für Auswärtige Menschen offen- danach gab es eine erfahrungs- und Diskussionsrunde. Das wichtigste an dieser Klinik ist jedoch das Konzept des Bondings bzw. die Arbeit mit dem inneren Kind. Beim Bonden legen sich 2 Menschen, die sich einigermaßen verstehen und denken, dass sie es 2 Stunden nahe beieinander aushallten könnten. Der untere arbeitet, das heißt er schreit, weint, ist ganz still, entspannt sich- schlicht er tut das nach was ihm zu mute ist. Mit der Zeit spürte ich immer mehr Gefühle. Viele sagen auch sogenannte Einstellungssätze wie: „ Ich bin ..... und bin gut genug!“ In meiner ersten Bindingstunde dachte ich: „Hier bin ich im Irrenhaus gelandet“ eine etwa 40-jährige Frau lag unter mir und erzählte mit von ihrer Familie. Sie redete und redete bis ein Therapeut mal vorbeischaute und meinte, dass sie sich mit Reden „wegmachen würde. Mir war gar nichts klar und wollte einfach so schnell wie möglich aufstehen und diesen Körper nicht mehr so nah an mir spüren. Als obenliegender hatte ich die Aufgabe den unteren zu schützen und ihm klar zu machen, dass ich da sei- egal welche Gefühle jetzt hochkommen. Als ich dann unten lag blieb ich die ganze Zeit stumm und spürte überhaupt nichts- „was sollte das ganze? So etwas habe ich noch nie gehört oder erlebt.“- dachte ich. Doch ich hielt die Nähe aus- schon alleine deshalb da das Bonding auf freiwilliger Basis angeboten wurde und eine zwei andere Frauen, die auch mit mir angekommen waren sich beim ersten Bondingtermin nicht trauten in die Anmeldungsliste einzutragen- ich wollte es jedoch wenigstens ein Mal austesten auch um Ihnen es dann zu berichten. Jeweils ein Mal die Woche war Bonding angesagt. Ich ging beim zweiten mal auch noch mal hin, denn so langsam gewöhnte ich mich an die Nähe. Das lag zum einen daran, da in der Lagune sehr viel gekuschelt wurde- was der Klinik auch schon den Spitznamen „Kuschelklinik“ eingebracht hatte- und sie auch sonst schon viel in der Kritik stand( was ich jedoch zu diesem Zeitpunkt noch nicht wusste).

Zwischen den Therapieterminen gab es auch viel zeit um spazieren zu gehen oder sich mit anderen zu unterhalten oder das sich im Gebäude befindende Schwimmbad mit Sauna zu nutzen. Dort gab es einmal die Woche sogar einen Frauentag an dem ich meistens ging. Das Schwimmbad kann ich eigentlich gar nicht Schwimmbad nennen, da man überall stehen kann- also eher ein Gymnastikschwimmbecken. Wobei Wassergymnastik nicht angeboten wurde. Es gab auch abends noch eine Frauengruppe in welcher frauenspezifische Themen besprochen wurden oder massiert wurde oder andere Sachen gemacht wurden auf die, die meisten Lust hatten. Sie wurde auch von Patienten geleitet. Eine Männergruppe existierte auch, wobei ich über dessen inhaltliche Themen wenig zu beichten weiß. In der Klinik gibt es Einzelzimmer mit WC und Dusche. In der Kerngruppe, die ja auch den einzigsten direkten Kontakt zum Therapeuten herstellt wurde ein Patient ausgewählt, der etwas auf dem herzen hatte oder von der Therapeutin bestimmt wurde und über ihn ging es dann die ganze stunde. Die Therapeuten arbeiteten mittels Familienaufstellungen, Wut rauslassen, Konfrontationen mit der Vergangenheit etc. Das war für alle anstrengend, nicht nur für diesen Patienten um den es gerade ging. Was ich als negativ gesehen habe war für Menschen, die sich nicht zu seinen Bedürfnissen stellten und sagten: „ Ich brauche jetzt aber Kunsttherapie etc.“- da aus jeder Kerngruppe nur eine bestimmte Anzahl von Patienten aus jeder Kerngruppe zugelassen wurden bekamen manchmal diejenigen die sich gut durchsetzten konnten viele Therapien und die anderen eben nicht so viele. Doch die Therapeuten waren ziemlich gerecht zu allen, da es auch viele gab die einfach nicht so viele Therapien machen wollten. Bei mir gab’s auch ne zeit in der der ich fast gar nichts besuchte, außer das nötigste bzw. die Pflichtprogramme. Die Dauer des Aufenthaltes lag zwischen 3-12 Wochen, je nach Versicherungsträgern. Bei mir waren es bei eigentlich geplanten 7 Wochen dann doch 8 Wochen geworden. Kam dann auch erst eine Woche nach Schulbeginn in die Schule. Ein Höhepunkt der Therapie war sicher auch die Hütte. Das ist eine 2-nächtige Übernachtung in einer Naturfreundehaushütte im Wald zu der zu Beginn alle mitgehenden Patienten und Therapeuten hinlaufen. Um auf die Hütte mitgehen zu dürfen muss man mindestens 2 Wochen schon in die Klinik sein. Auf der Hütte wird viel gebondet, Quatsch gemacht, spazieren gegangen, Familienaufstellungen von einem Patienten gemacht, indianische Rituale und und und. Es ist ganz unterschiedlich welcher Therapeut mitgeht (mind.2). Da die Hütte alle 4 Wochen stattfindet ist das Normale eine Hütte mit zumachen- es gibt jedoch auch einige Patienten denen das Bonden überhaupt nicht liegt und sie lieber in der Klinik bleiben und dort in Kunsttherapie etc. gehen.

In der Hütte werden Probleme mit einzelnen Personen ziemlich schnell deutlich und unter anderem kann es auch zum Problem von allen werden. Dort hat man nicht die Möglichkeit sich auf sein Zimmer zurückzuziehen, da es dort nur Mehrbettzimmer gibt und auch sonst der Raum sehr begrenzt ist. Während meines Aufenthaltes dort war mein Therapeut 2 Wochen im Urlaub, sodass unsere Kerngruppe eine Vertretung hatte. Da mir das Bonden sehr viel brachte mit der zeit und ich mich am Ende sogar wagte mit einem über 100 Kilo schweren Mann zu bonden und meine Wut herauszuschreien, bedeutete dies ein großer Fortschritt für mich. Was ab und zu auch nochangeboten wurde war die wutmatte. Dort konnte man sich einschreien und all seine Wut herauslassen( was mir unheimlich gut tat). Nach dem bonden fühlte ich mich wie ausgelaugt, kraftlos, am Ende und die anstregung machte sich erst richtig bemerkbar. Freitags gibt es den Big Step. Hier erzählen Patienten die bald entlassen werden über ihre Leben, ihre Klinikerfahrung, ihre familie- all das wonach Ihnen im Moment des Abschiebnehmen ist von der sogenannten „therapeutischen Gemeinschaft“. Nach insgesamt 8 Wochen war es dann auch für mich soweit um „Adieu“ zu sagen. Wie alle anderen war ich auch wahnsinnig aufgeregt vor diesem Big Step. Doch als ich dann an der Reihe war mit Reden flossen mir so die Tränen aus den Augen.

Rückblickend waren diese Woche eine der wichtigsten in meinem bisherigen Leben. Viele Menschen und ihre Probleme habe ich kennen gelernt und auch an meinen eigenen konnte ich arbeiteten und so ein Stück weit meine dunkle Vergangenheit bewältigen und loslassen. Klar nahm ich auch noch Probleme mit in mein Leben, doch insgesamt habe ich viel mehr Hoffnung in mich selbst.

Ich kann sagen, dass die Klinik Bad Herrenalb zwar eine äußerst fremd erscheinende Klinik ist, doch im Endeffekt läuft es auf große Menschlichkeit heraus. Denn wo sonst, wenn nicht dort können Gefühle so frei fließen ohne sie verstecken zu müssen? Für mich hat es sich gelohnt hinzugehen schon aus dem einen Grund, weil ich nun das Schuljahr nach Wiederholung geschafft habe- und unendlich glücklich darüber bin. Seit dem habe ich keine Klinik mehr von innen gesehen und Therapie mache ich, indem ich alle paar Monate ein Gespräch mit meinem Therapeuten aus der Klinik habe. Ich finde die Klinik Bad Herrenalb auf jeden Fall sehr empfehlenswert- egal um welche Probleme es sich handelt.

Eure Barfuss ( Mail im Forum unter barfuss)



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