Borderline Zufall 07e

Erfahrungen - Adula Klinik

Erfahrungen von Shirin:

Erfahrungsbericht Adula-Klinik, Oberstdorf     28.06.05

Mitte letzten Jahres verbrachte ich aufgrund eines Tiefs, aus dem ich nicht mehr von selbst raus kam, 12 Wochen in einer Klinik in Bad Dürrheim – diese Klinik brachte mir nicht sehr viel, im Gegenteil: mir ging es danach noch um einiges schlechter – in der Klinik wurde ich mit Medikamenten vollgestopft (man muß sagen, daß ich vorher noch nie Medis genommen habe).

Als ich von dort entlassen wurde hatte ich eine Reihe von Medikamenten (Seroquel, Tavor, Chlorprothixen), keinerlei Hoffnung und war in einem noch größeren Tief. Ich verließ kaum mehr die Wohnung, zog mich immer mehr zurück und sah in absolut nichts mehr einen Sinn. Kurz: die Gedanken an S**z*d wurden immer greifba-rer, ich bereitete mich langsam darauf vor.

Mein amb. Thera erkannte die Situation und schlug einen erneuten Klinikaufenthalt vor – erst sträubte ich mich mit Händen und Füßen – es wäre schließlich dann schon die 3. Klinik – und Hoffnung auf Besserung hatte ich nicht mehr. Nach mehreren Gesprächen bei ihm willigte ich dann doch ein – ich hatte ja nichts mehr zu verlieren... – ich entschied mich für die Adula in Oberstdorf, da ich von dieser Klinik wußte, daß sie sehr streng waren, ein hartes Konzept hatten – ich dachte nur, wenn Du es packst, okay – sonst auch egal...

Als die Aufnahmebestätigung von der Adula kam war ich dann doch sehr erschrocken: kein Alkohol war ja noch okay, aber keine Zigaretten? (ich bin starker Raucher), kein Radio, Fernsehen, Bücher, Handys etc– alles, was ich seit der Klinik in Bad Dürrheim noch tat (Internet, Lesen, Musik hören etc.) war dort verboten, wenn man diese Vereinbarungen brach, wurde man entlassen - es war, als ob man mir meinen ganzen Lebensinhalt nahm. Trotzdem entschloß ich mich dorthin zu gehen.

Dort angekommen kam der nächste Schock: ich war in einem Zwei-Bett-Zimmer untergebracht – ich wollte allein sein, doch konnte ich es nicht ändern. Mein Erstgespräch mit meinem Kerngruppentherapeuten lief dann erstaunlicherweise äußerst gut – bei ihm hatte ich nicht das Gefühl, einem Thera gegenüber zu sitzen, der immer nur diese dummen Sprüche brachte: „könnte es sein...“, „wäre es möglich...“ etc. – und was für mich neu, aber doch positiv war, war, daß man dort alle, wirklich alle duzte – egal ob Küchenhilfe oder Chefarzt – jeder wurde geduzt. Dadurch bekam man einen ganz anderen Bezug zu dem Ärzteteam etc.

Im Erstgespräch erzählte ich auch dem Thera, daß ich starke Berührungsängste habe  - er meinte nur, dies könne hier ein Problem werden – zuerst verstand ich ihn nicht, doch als ich die anderen Mitpatienten sah wurde mir klar, was er meinte: Dort wurde viel gekuschelt, die Leute liefen Hand in Hand, umarmten sich, lagen in Schössen der anderen etc – es herrschte extrem viel Körperkontakt. Ein erneuter Schock! Und es gibt dort keine Einzelgespräche – bisher waren mir die Einzels immer am wichtigsten.....

Aber irgendwas bewog mich, dort zu bleiben – die ersten zwei Wochen schaffte ich irgendwie. In dieser Zeit hatte man Kontaktfasten, durfte nicht groß raus, war an die Klinik gebunden.

Ich brauchte lange, um mich dort einzuleben, alles war anders, als ich es bisher kannte. Ich war aufgrund meiner Eßstörung in der Eßstruktur, d.h. man hatte bestimmte Portionen, die völlig aufgegessen werden mußten – erst nach ca. 2-3 Wochen durfte man langsam ein Drittel mehr oder weniger essen – aber da alle anderen in der Struktur es schafften, ging es bei mir auch, und ich spürte, daß ein normales Essen wirklich möglich war, ohne zuzunehmen -–im Gegenteil: ich nahm sogar etwas ab. Die Eßstruktur hatte tgl. Gruppengespräche nach dem Mittagessen.

Das nächste war die Gemeinschaft, dort wurde viel Wert auf Gemeinschaft gelegt: jeden Tag hatten wir Komitee, d.h. ein Stunde zusammensitzen mit allen Mitpatienten – in dieser Zeit konnte man Wortmeldungen machen (von sich erzählen), andere Konfrontieren (falls es Spannungen, Streitereien oder sonst was gab), Rückfälle melden (Rauchen etc.) und so weiter – in diesen Komitees waren immer Theras mit dabei um nötigenfalls einzugreifen.

Es gab auch Spezialgruppen für Männer, Frauen, M*ßbr**chs*pf*e, Süchtige, Körpertherapie, Imaginationstherapie, Familienaufstellung, Einstellungsarbeiten etc.

Was für mich aber am positivsten war, war, daß die Klinik mehr mit den Gefühlen als mit dem Verstand arbeitete: dafür gab es eine Art Atmen (man atmete schnell, sehr tief, ohne Stops zwischendrin) – ich war erstaunt, was für Gefühle hier mit der Zeit hochkamen – sobald es einem zuviel wurde, es einen überrannte war sofort ein Thera da. Mein Vertrauen in die Klinik wuchs mehr und mehr.

Doch ich hatte noch eine Hürde: Bonding. Zwei Leute legten sich aufeinander, der oben war der sogenannte Teddy – er machte nichts, lag nur da. Man kann sich nicht vorstellen, was für Gefühle, Empfindungen hochkommen, wenn jemand auf einem liegt, wenn man den anderen so nahe spürt. Auch hier waren immer mehrere Theras dabei, die das Ganze überwachten, helfend zur Seite standen, mit den einzelnen Paaren arbeiteten.

Mit der Zeit merkte ich, wie gut es tun konnte, einfach seine Gefühle laufen zu lassen – anfangs dachte ich, ich habe sie kplt unter Kontrolle, doch dort merkte ich mehr und mehr, wie sie rausdrängten – man durfte schreien, weinen, um sich schlagen, die Theras mit allen Schimpfwörtern der Welt belegen, alles war erlaubt und war gut.

Auch war es mir möglich, nach und nach mehr Nähe zulassen zu können – immer mehr suchte ich den Kontakt zu meinem Thera, lag bei ihm im Schoß, hielt seine Hand etc. – ich hatte noch nie dieses Gefühl des Schutzes und der Geborgenheit, es war neu, fremd, meine stärker werdende Sehnsucht nach diesem Gefühl verunsicherte mich, aber ich konnte es annehmen – er war mein ‚Fels in der Brandung‘, fing mich auf, war bei mir – ich lernte dort sehr Konflikte einzugehen, offener zu werden, mich mehr zu fühlen, den Druck abzulassen und vieles mehr.

Die S**z*dgedanken und SVV schwanden dahin

Auch wird dort das Zwölf-Schritte-Programm angeboten, jeden Tag verschiedene Selbsthilfegruppen, in denen die Patienten untereinander weiterarbeiten konnten.

Jeden Morgen war Frühsport, danach Meditation – sonst gab es viele physikalische Anwendungen: eigenes Schwimmbad, Massage, Moorbad, Akupunktur, Lymphdrainage und und und

Ich kann nur sagen: es wird einem dort nie langweilig, man arbeitet intensivst an sich und wenn man sich drauf einlassen kann und mitmacht bringt es mehr, als man sich vorstellen kann. – aber wenn die Motivation nicht da ist, an sich arbeiten zu wollen, dann bringt die ganze Thera nichts – viele hatten die Einstellung: andere müssen mir helfen – diese ist dort sehr fehl am Platz.

Als ich aus der Klinik rauskam fühlte ich mich als neuer Mensch, hatte wieder Hoffnung, Zukunftsperspektiven, fühlte mich freier, lebendiger und auch frei von jeglichen Medis.

 Es war eine sehr, sehr harte Zeit – aber ich möchte sie nicht missen – das Positive überwog massiv – ich kann die Klinik nur jedem empfehlen – besonders durch das große Spektrum an Therapieangeboten ist für jeden etwas dabei, wo er an sich arbeiten kann.

Shirin



Web-Adressbuch

Auszeichnungen

Internetbibilothek

PayPal-Spende

Mein Spendenbetrag:   EUR